Sr. Gratia: Hallo Lukas!

Lukas: Hallo, Sr. Gratia! Heute kommen also die Fragen aus dem Kloster!

Sr. Gratia: So ist es! Und ich habe für unseren Austausch wieder einen wunderschönen Abschnitt aus deinem Evangelium entdeckt, den uns die Kirche im Juni schenkt.

Lukas: Und der wäre?

Sr. Gratia: Ich bin im 7. Kapitel  deines Evangeliums und dann noch ein paar Verse weiter.

Lukas:  Alles klar! Also die Stichworte Mahl – Pharisäer – Frau.

Sr. Gratia:  Das finde ich jetzt schön, dass du genau diese Stichworte anführst. Es hätten ja durchaus auch noch andere  darunter sein können.

Lukas: Du hast recht, es geht in diesem Abschnitt ja auch um das ernste Thema der Sünde. Aber durch die Art und Weise, wie Jesus damit umgeht, bekommen einfach andere Werte mehr Gewicht.

Sr. Gratia: Das ist auch mit ein Grund, warum ich diese Stelle für heute ausgewählt – und als eine wunderschönen Abschnitt bezeichnet habe. Lass sie uns ein wenig genauer anschauen, ja?

Lukas: Gern!

Sr. Gratia: Also ein Mahl – im Haus eines Pharisäers. Da finde ich ja schon interessant, dass Jesus da überhaupt hingeht!

Sr. Gratia: Warum sollte er nicht? Ihm sind alle Menschen lieb, er ist für alle gekommen und gibt bis zum Schluss die Hoffnung nicht auf, auch das Herz eines  Pharisäers zu erreichen.

Sr. Gratia: Das ist ja schön, aber hat er nicht damit rechnen müssen, scharf – und nicht immer wohlwollend – beobachtet zu werden?

Lukas: Das hat er, aber das ist für Jesus ja kein Hindernis. Er weiß, wer er ist und was seine Berufung ist, so kann er sich auch Herausforderungen aussetzen.

Sr. Gratia:  Da hast du jetzt etwas angesprochen, was an sich schon (vielleicht besonders für Frauen?) eine Meditation wert wäre. Aber es geht ja noch weiter.

Lukas:  Ja, spannend wird es, als eine Frau – ungeladen – zu diesem Mahl in das Haus des Pharisäers kommt.

Sr. Gratia:  Eine besondere Frau offenbar: Sie wird als „Sünderin“ bezeichnet. Sie war wohl eine stadtbekannte Prostituierte...

Lukas: Ja, und jetzt male dir das aus: Der Pharisäer mit seinem absolut reinen Gewissen – und diese Frau...

Sr. Gratia:  Da finde ich spannend, dass der Gastgeber sie nicht einfach rauswirft!

Lukas:  Da ist wohl etwas zu schnell gegangen für ihn, die Frau lässt ihm ja gar keine Zeit. Und dann gibt ihm die Situation ja auch eine  gute Gelegenheit, Jesus auf die Finger zu schauen: Was wird er jetzt tun?

Sr. Gratia: Ich finde es berührend, dass Jesus diese Frau gewähren lässt. Er lässt sie ja ganz schön  nah an sich ran.

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Lukas: Sie wirft sich ihm zu Füßen – das könnte eine Geste der Unterwerfung sein.

Sr. Gratia:  Aber sie tut es mit einer Geste der Zuwendung und der Liebe: waschen, salben, küssen...

Lukas: Ja, das sind wirklich  intime Gesten.

Sr. Gratia:  Darf ich – dürfen wir – das auch? Jesus waschen, salben, küssen?

Lukas: Was könnte denn das für dich, für euch, heute, in eurer jeweiligen Situation, bedeuten?

Sr. Gratia: Hm. Ihm die Füße zu waschen – das erinnert mich natürlich an seine  Einladung beim letzten Abendmahl, es ihm gleichzutun. Also bereit werden zu Hingabe und Dienst.

Lukas:  Mhm. Und die Salbung?

Sr. Gratia:  Hm. Salben hat etwas mit Heilen zu tun, oder einfach mit „Wohltun“. Vielleicht  kann es bedeuten: Gutes tun, heilsam wirken, auf Wunden die Salben des Trostes legen, ausgetrockneten Seelen wieder Mut machen, ....

Lukas:  Mhm. Und der Kuss?

Sr. Gratia: Hm.

Ein Ausdruck des Einsseins, der Zusammengehörigkeit, der Hingabe – mich verbinden mit Jesus, im Gebet, in der Liturgie, im „Dasein für“...

Lukas: Mhm.

Magst du dir noch ausmalen, wie es wäre, wenn das dir passieren würde? Jemand beugt sich zu deinen Füßen und weint – deine Füße werden nass, aber schöne Haare trocknen  sie wieder. Liebevolle Hände salben die getrockneten Füße und ein wundervoller Duft steigt dir in die Nase – und dann legt sich ein Mund auf deinen Fuß und küsst ihn.

Sr. Gratia:  Das ist im wahrsten Sinn des Wortes berührend! Die Berührung, die am Leib erfahren wird, wird zu einem Berührt-Werden im Herzen, in meiner  Seele.

Lukas: Und vielleicht magst du jetzt die Rollen austauschen – und dir vorstellen, dass nicht jemand zu Jesus kommt und ihn berührt, sondern dass er zu jemand – zu dir – geht – und dich wäscht, salbt und küsst?

Sr. Gratia: Das geht ganz schön unter die Haut! Aber: Ist es nicht gerade genau so? Er ist es doch, der mir dient in so vielen Situationen meines Alltags. Er wäscht meine Sünden von mir ab, er hat mich gesalbt – in Taufe und Firmung und schenkt mir auch immer neu die Salbung von Trost und Heil.

Lukas:  Das Einzige, was wir tun müssen, ist das gleiche, was er mit der Frau gemacht hat: Wir müssen es zulassen, ihm erlauben, dass er uns so berührt und beschenkt.

Sr. Gratia: Aber jetzt brennt mir noch die Frage auf der Zunge: Um wie ist das mit dem Kuss???

Lukas: Du wirst eins mit ihm in der Kommunion – eine leibhaftige Erfahrung. Du wirst eins mit ihm in der Anbetung seiner Liebe, wo immer sie dir begegnet – so ein „Kuss“ kann ein Sonnenuntergang sein oder ein Tanz, ein Wort der Schrift oder das gute Wort, das dir ein Mensch zuspricht...

Sr. Gratia:  Klingt so, als ließe sich diese Aufzählung einfach fortsetzen, als gäbe es nichts, was nicht zum „Kuss Gottes“ werden könnte...

Lukas: Ja, ich glaube, so ist es!

Sr. Gratia: Aber nochmals zurück zu unserer Schriftstelle: Jesus löst das Problem mit dem Pharisäer wieder mal mit einer Geschichte, die völlig plausibel ist.

Lukas: Vorausgesetzt, man gesteht ihm zu, dass er der ist, als der er sich selbst erkennt: Der Sohn Gottes, der Sünden vergeben kann.

Sr. Gratia:  Mich freut es auch, dass Jesus  diese Frau, und auch die Frauen, die ihn auf seinem Weg begleiten, an sich heranlässt, sie gelten lässt und ihnen Geltung gibt, sich mit ihnen abgibt und ihre Dienste annimmt...

Lukas: Damit gibt er auch einen wichtigen Impuls für euch heute...

Sr. Gratia: So, Lukas, das war jetzt einen Fülle von Gedanken und Anregungen, ich denke da können wir alle einen Weile damit leben. Vielen Dank!